Am 25. Juni 2026 fand in Weimar ein zukunftsweisender Demokratieworkshop statt, der ein zentrales Thema unserer Gesellschaft in den Fokus rückte: Die untrennbare Verbindung von Demokratie und ehrenamtlichem Engagement. Die Veranstaltung machte deutlich, dass Ehrenamt kein bloßes Freizeitvergnügen ist, sondern das gelebte, starke Fundament unseres Zusammenhalts – über Generationengrenzen hinweg und unabhängig davon, ob im urbanen Raum oder in den ländlichen Regionen des Freistaats.

Ehrenamt als Krisenretter und Sicherheitsgarant

Wie essenziell ehrenamtliche Strukturen für die Existenzsicherung eines Gemeinwesens sind, wurde gleich zu Beginn des Workshops eindringlich vor Augen geführt. Als mahnendes und zugleich solidarisches Beispiel diente die schwerste Waldbrandkatastrophe Thüringens der letzten Jahrzehnte auf der Saalfelder Höhe (Gösselsdorf). Das dortige verheerende Feuer konnte nur durch den unermüdlichen Einsatz zahlreicher ehrenamtlicher Helferinnen und Helfer unter Kontrolle gebracht werden.

Der Workshop lieferte hierzu beeindruckende und nachdenklich stimmende Fakten aus dem Freistaat:

Strukturelle Last: In ganz Thüringen existieren lediglich zehn Berufsfeuerwehren. Der gesamte restliche Brand- und Katastrophenschutz wird flächendeckend durch ehrenamtliche Arbeit abgedeckt.

Die Zahlen des Engagements: Allein im Feuerwehrbereich engagieren sich 35.000 Männer und Frauen. Hinzu kommen circa 15.000 Kinder und Jugendliche in den Jugendfeuerwehren. Damit sichern rund 50.000 Thüringer im Brand- und Katastrophenschutz tagtäglich die gesellschaftliche Infrastruktur und Sicherheit ab.

Der verfassungsrechtliche und demokratische Bezug

Ein Kernanliegen des Workshops war es, den Jugendlichen und Teilnehmenden aufzuzeigen, dass ehrenamtliches Handeln die reinste Form angewandter Demokratie darstellt.

Demokratische Brücke im Grundgesetz:

Artikel 20 Absatz 2 GG: „Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus“. Während dies primär durch Wahlen und Abstimmungen im parlamentarischen Raum realisiert wird, füllt das Ehrenamt dieses Prinzip im Alltag mit Leben.

Artikel 9 GG: Die im Grundgesetz verankerte Freiheit, Vereine und Gesellschaften zu bilden, ist das rechtliche Sprungbrett für jede Form von zivilgesellschaftlicher Organisation.

Dieses Mitwirken und Mitgestalten wird unter dem Begriff Partizipation (Teilhabe) zusammengefasst. Im Mikrokosmos eines Vereins – sei es beim traditionellen Maibaumsetzen oder im Sportverein – werden demokratische Grundprozesse im Kleinen erlernt und gelebt:

 – Wie gehen wir fair mit Streit um?

 – Wer übernimmt welche Aufgaben und wie werden Entscheidungen getroffen?

 – Wie akzeptieren wir Vielfalt und halten andere Meinungen aus?

Thüringen nimmt hierbei bundesweit eine Vorreiterrolle ein: Es verfügt nicht nur über ein eigenes Thüringer Ehrenamtsgesetz, sondern hat die Förderung des Ehrenamts sogar als Staatsziel in der Landesverfassung verankert – ein Privileg, das es so nur in drei Bundesländern gibt. Der Freistaat unterstützt diese Arbeit derzeit mit einem Volumen von 18,5 Millionen Euro, aufgeteilt auf fünf spezifische Fördercluster (u. a. Heimat/Kultur, Sport, Brand- und Katastrophenschutz, Soziales sowie Umwelt-/Tierschutz).

Im Rahmen einer Talkrunde kamen zwei völlig unterschiedliche, aber gleichermaßen mitgliederstarke Säulen des thüringischen Ehrenamts zu Wort, die jeweils über 30.000 aktive Menschen repräsentieren:

Brauchtum und Jugendkraft: Christoph Matthes

Der Präsident des Landesverbandes der Thüringer Karnevalsvereine betonte, dass Demokratie vor allem Mut zur Veränderung erfordert. Er berichtete von seinen eigenen Anfängen, als er die verkrusteten, älteren Strukturen im Jugendausschuss hinterfragte und als Reaktion den Konter erhielt: „Wenn keiner mitmacht, kann sich auch nichts ändern.“ Dies war die Initialzündung für die Gründung eines eigenständigen, demokratisch organisierten Jugendverbandes mit eigener Kasse. Er plädierte leidenschaftlich dafür, um Mehrheiten zu ringen und auch als junge Generation den Mut zu haben, den „jungen Wilden“ herauszukehren und eigene Akzente zu setzen. Mithilfe des Landesförderprogramms konnten unter anderem aufwendige Sicherheitskonzepte für Vereine geschult sowie moderne Medientechnik (wie iPads und Softwarelizenzen) für die jugendliche Vorstandsarbeit finanziert werden.

Soziale Selbstwirksamkeit: Andreas Kotter

Der Vertreter des Paritätischen Thüringen (Liga der Freien Wohlfahrtspflege) verknüpfte den Begriff des Ehrenamts stark mit der Selbstwirksamkeit. Er blickte auf seine eigene Jugend im Vogtland zurück, in der er sich mit 16 Jahren in einer Bürgerinitiative gegen die Schließung seiner Schule engagierte und mit 21 Jahren bereits eigenverantwortlich Stadtfeste mitorganisierte. Für den sozialen Sektor betonte Kotter eine ganz andere demokratische Pflicht des Ehrenamts: Die Sichtbarmachung und Integration von sozial benachteiligten Menschen, die Gefahr laufen, von der Gesellschaft abgehängt zu werden. Ob bei der Tafel oder im Hospizverein – Ehrenamt bedeutet hier, den Betroffenen eine Stimme und die Möglichkeit zur Eigenentwicklung zu geben. Ein konkretes Förderbeispiel aus seiner Praxis war die unkomplizierte Finanzierung eines neuen Kühlfahrzeugs für eine Thüringer Tafel, deren Geräte ausgefallen waren.

Der Appell an die Jugend: Die Gestaltung des ländlichen Raums

Ein emotionaler und strategischer Höhepunkt des Tages war der direkte Appell an die anwesenden Schülerinnen und Schüler, die Zukunft ihrer eigenen Regionen in die Hand zu nehmen. Oftmals wird in Dörfern beklagt, dass traditionelle Feste (wie Osterfeuer oder Pfingstfeiern) wegbrechen. Die Diskutanten stellten klar: Das liegt selten am mangelnden Interesse der Gäste, sondern am Fehlen von Menschen, die die Initiative ergreifen und den nötigen „jungen Zeitgeist“ einbringen.

Die Botschaft an die Jugend war eindeutig: Wenn die klassische Blasmusik nicht mehr anspricht, liegt es an ihnen, zu den Verantwortlichen in den Gemeinden zu gehen, Plätze und Budgets einzufordern und stattdessen eine zeitgemäße Dorffest-Alternative oder moderne Begegnungsorte zu schaffen. Demokratische Teilhabe bedeutet, die eigene Heimat so zu gestalten, dass es sich auch nach Ausbildung oder Studium lohnt, dorthin zurückzukehren. Wenn sich rechnerisch aus jedem der 44 Millionen Haushalte in Deutschland nur eine Person ehrenamtlich einbringt, ist der gesellschaftliche Zusammenhalt langfristig gesichert.

Der Thüringer Demokratieworkshop hat eindrucksvoll bewiesen: Ehrenamt und Demokratie sind zwei Seiten derselben Medaille. Vom Schüler, der sich in der Schülerzeitung oder beim Kuchenbasar engagiert, bis hin zur Rehkitzrettung mittels Wärmebilddrohnen in den frühen Morgenstunden – jede Initiative hinterlässt einen bleibenden Wert. Der Tag endete mit einem Bestreben nach mehr Internationalität, offener Kommunikation und dem klaren Signal: Thüringen hat die gesetzlichen und finanziellen Werkzeuge; mit Leben gefüllt werden müssen sie von den Menschen vor Ort.