Erfurt, 4. Juni 2026

Es ist ein historischer Meilenstein für das gesamte thüringische Brauchtum und ein Tag des Stolzes für unseren Verband: Der Allgemeine Fasching, Karneval und die Fastnacht in Ostdeutschland wurden heute offiziell in das Landesverzeichnis des Immateriellen Kulturerbes Thüringen aufgenommen!  

In einem feierlichen Festakt im Erfurter Haus Dacheröden nahm die thüringische Kulturszene die begehrten Urkunden aus den Händen von Christian Tischner, Minister für Bildung, Wissenschaft und Kultur, entgegen. Für uns als Landesverband Thüringer Karnevalvereine e. V. (LTK) ist diese Auszeichnung die höchste Anerkennung unserer leidenschaftlichen Ehrenamtskultur.  

Das Herz schlägt grün: Warum unser Fasching einzigartig ist

Mit 330 Vereinen und rund 30.000 Aktiven allein in Thüringen bilden wir eine gewaltige Gemeinschaft. Unser LTK-Präsident fand auf der Bühne klare Worte dafür, was unseren regionalen Fasching so besonders macht und wie er sich von den Hochburgen am Rhein abhebt: 
„Im Rheinland zählt das Gefühl zwischen Daumen und Zeigefinger im Karneval und im Fasching im Osten zählt das Gefühl zwischen Kopf und Bauch, nämlich dem grünen Herz. Und genau das ist es.“

Die Wurzeln unseres Festes reichen bis ins Mittelalter zurück, doch insbesondere die ostdeutsche Transformationsgeschichte hat das heutige Selbstverständnis geprägt. Zu DDR-Zeiten wurden die Gruppen in den Betrieben zwar reglementiert und oft nur geduldet, doch die Karnevalisten bewiesen kreative Widerständigkeit und übten subtile Kritik zwischen den Zeilen. Diese kreative Mangelwirtschaft brachte erstaunliche Schöpfungen hervor, die heute noch im Karnevalsmuseum Wasungen bewundert werden können.  

Heute sichern wir als Vereine vor allem in den ländlichen Räumen den gesellschaftlichen Zusammenhalt und leisten unverzichtbare Kinder- und Jugendarbeit. Unser Präsident betonte die generationenübergreifende Verantwortung:  
„Wenn man thüringisch ‚den Älteren’ sagt, könnte man auch ‚die Eltern’ verstehen. Deshalb sind wir im Karneval hier allein in Thüringen […] mit 17.000 Eltern, die was vererben können, jetzt auch ganz offiziell irgendwann, und das eben auch tatsächlich übergeben können.“

Diese Auszeichnung ist jedoch erst der Anfang. Unser Verband blickt bereits nach vorn: „Das ist die vorvorletzte Hürde, die wir jetzt genommen haben. Das nächste ist dann hoffentlich die Bundesliste und die letzte Hürde ist dann hoffentlich die UNESCO-Liste.“  

Ein Fest der Vielfalt: Die Mit-Ausgezeichneten im Porträt

Als Karnevalisten wissen wir, dass man ein großartiges Fest nicht alleine feiert. Der Freistaat Thüringen hat an diesem Abend insgesamt fünf schützenswerte Kulturformen neu in das Landesverzeichnis aufgenommen, das nun stolze 25 Einträge zählt. Wir gratulieren allen Mitstreitern von ganzem Herzen:  

1. Die Schleusinger Abiturtaufe
Ein einzigartiger Brauch des Hennebergischen Gymnasiums „Georg Ernst“ (dem ältesten Gymnasium Deutschlands). Hierbei werden die Absolventen nach einem feierlichen Umzug in geschmückten Leiterwagen am Marktbrunnen rituell getauft. Ein echtes Volks- und Stadtfest für die gesamte Region, das nach dem Verbot durch das SED-Regime 1990 erfolgreich wiederbelebt wurde.  

2. Das Eisfelder Kuhschwanzfest
Dieses traditionsreiche Volksfest geht auf eine historische Musterung wehrhafter Mannschaften im Jahr 1608 unter Herzog Johann Kasimir zurück. Der humorvolle Name zeugt von der spöttischen Reaktion Auswärtiger auf das Mitlaufen von Vieh beim Umzug. Bis heute wird am Pfingstdienstag ein mehrtägiger Festmarathon zelebriert, bei dem die ganze Stadt Kopf steht.  

3. Das Singen des Rennsteiglieds
Komponiert 1951 von Herbert Roth und getextet von Karl Müller, ist das Rennsteiglied die heimliche Nationalhymne Thüringens. Das unpolitische Lied bot zu DDR-Zeiten ein befreiendes Naturerlebnis. Roths Tochter Karin war sichtlich gerührt über die Anerkennung: „Wir haben schon lange darum gekämpft, muss ich sagen. […] Ich möchte auch meiner Familie vielleicht ein bisschen dafür danken […] und er wird jetzt sagen: Ich habe doch alles richtig gemacht.“

(Besonderes Highlight des Abends: Bildungsminister Christian Tischner verkündete offiziell, dass das Rennsteiglied fest in den Thüringer Lehrplan aufgenommen wurde!)

4. Traditionelle Handwerkskunst im Dampflokwerk Meiningen
Hier wird in einer 160-jährigen Tradition das lebendige industrielle Erbe Thüringens gewahrt. Es ist die letzte betriebsfähige Einrichtung Europas, die Dampflokomotiven aller Spurweiten nach historischen Verfahren instand halten und fertigen kann. Besonders stolz liefen hier junge Nachwuchskräfte mit auf, die das hochkomplexe Wissen bereits in vierter Generation weitertragen.  

Anerkennung aus Politik und Wissenschaft

Der Abend stand ganz im Zeichen des Dankes für das unermüdliche Engagement der vielen Ehrenamtlichen. Kulturminister Christian Tischner hob in seiner Rede hervor, dass das Immaterielle Kulturerbe keine verstaubte Folklore sei: „Es geht nicht um Folklore, es geht auch nicht um Nostalgie. Es geht um Menschen, es geht um Gemeinschaft, um das Wissen, woher es kommt und vor allem um die Bereitschaft, dieses Wissen an die nächste Generation weiterzubringen.“

Dr. Helmut Groschwitz, Leiter der bayerischen Beratungsstelle, der als Festredner geladen war, betonte den dynamischen Charakter von Traditionen im Sinne der UNESCO: „Im Grunde ist Immaterielles Kulturerbe sichtbar und erfahrbar nur im Moment des Tuns. […] Ein Kulturerbe ist nicht einfach nur da. Vielmehr muss es angeeignet, teils an die Gegenwart angepasst, es muss geprüft, verhandelt und eventuell in neue Kontexte eingebunden werden.“

Ein herzlicher Dank ging auch an Dr. Juliane Stückrad von der Volkskundlichen Beratungs- und Dokumentationsstelle für Thüringen, die als Triebfeder die Vereine durch die harten Bewerbungsverfahren schleust. Sie fand motivierende Worte für unsere krisengeschüttelte Zeit: „Die zuversichtliche Pflege kulturellen Erbes bildet ein dringend notwendiges Gegengewicht zu den Verlustängsten und Verlusterzählungen, die gegenwärtig unsere Gesellschaft belasten. […] Sie suchen und finden mit Ihrer Arbeit am immateriellen Kulturerbe positive Antworten auf die Fragen zu unserem Zusammenleben jetzt und in Zukunft.“

Fazit: Auf die nächsten Generationen!

Wir als Landesverband Thüringer Karnevalvereine nehmen diese Urkunde mit großem Stolz entgegen. Sie ist ein klarer Auftrag für die Zukunft: Wir werden weiterhin unsere Stimme erheben, den Spiegel vorhalten, die Jugend sportlich sowie menschlich fördern und dafür sorgen, dass der ostdeutsche Fasching das bleibt, was er ist – ein Fest von Herz zu Bauch für die Gemeinschaft.